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Von der Notlage zur Erlösung

Was uns die Märchen der Brüder Grimm über das Menschenbild erzählen

Ein Essay von Wolfgang Bossert

Ein Vortrag, der mich zum Nachdenken brachte

Was erwartet man von einem Vortrag über die Brüder Grimm? Vermutlich eine Betrachtung ihrer berühmten Märchen, ihrer Figuren und ihrer Botschaften. Vielleicht eine psychologische Deutung von Hänsel und Gretel, Schneewittchen oder Aschenputtel. Vielleicht auch eine therapeutische Interpretation, wie sie besonders in der neueren Beschäftigung mit Märchen populär geworden ist.

Doch Joachim von Lübtow ging bei seinem VHS-Vortrag einen anderen Weg.

Er wollte die Märchen nicht in erster Linie analysieren, sondern die historischen Verhältnisse verständlich machen, aus denen sie überliefert wurden und in denen die Brüder Grimm ihre Sammlung schufen.

Seine abschließenden Worte brachten das Anliegen auf den Punkt: Ihm sei es darum gegangen, die historische Form der Bewältigung gesellschaftlicher Notlagen im geistigen Umfeld von Weimarer Klassik, Aufklärung und Romantik darzustellen.

Diese Perspektive hat mich beeindruckt. Denn sie führt zu einer grundlegenden Frage:

Was erzählen uns Märchen über das Menschenbild einer Gesellschaft – und über die Hoffnungen von Menschen, die unter Notlagen leiden?

1. Eine Welt voller Notlagen

Deutschland war zur Zeit der Brüder Grimm kein einheitlicher Nationalstaat.

Die Folgen des Dreißigjährigen Krieges, politische Zersplitterung, ständische Herrschaftsordnungen und wirtschaftliche Ungleichheit prägten über lange Zeit die Lebensverhältnisse.

Armut war verbreitet. Krankheit konnte existenzbedrohend sein. Alte Menschen, Witwen und Waisen verfügten häufig über keine verlässliche Absicherung. Leibeigenschaft und persönliche Abhängigkeiten verschwanden erst allmählich durch Reformen, die regional sehr unterschiedlich verliefen.

Auch die Stellung der Frauen war durch weitreichende rechtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Einschränkungen geprägt. Bildung war keineswegs allen Menschen gleichermaßen zugänglich.

Die Französische Revolution hatte mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit neue politische Vorstellungen verbreitet. Doch zwischen solchen Idealen und der gesellschaftlichen Wirklichkeit lag eine gewaltige Distanz.

Die beginnende Industrialisierung brachte langfristig wirtschaftliche Veränderungen und neue Möglichkeiten, zunächst aber vielerorts auch soziale Verwerfungen, gesundheitliche Belastungen und die Entstehung eines Industrieproletariats.

Es war eine Welt, in der viele Menschen ihr Leben weniger selbst gestalten konnten, als dass sie versuchen mussten, es zu überstehen.

Und in dieser Welt wurden Märchen erzählt.

2. Märchen als Antwort auf menschliche Not

Wer Märchen nur als Kindergeschichten betrachtet, übersieht eine ihrer wesentlichen Eigenschaften: Sie erzählen von menschlichen Grenzerfahrungen.

Von Hunger und Verlassenwerden. Von Gewalt und Ungerechtigkeit. Von Neid, Macht und Unterdrückung. Von Angst und Hilflosigkeit.

Hänsel und Gretel werden aus existenzieller Not verlassen. Aschenputtel erfährt Erniedrigung und Ausgrenzung. Schneewittchen wird durch Eifersucht und Machtansprüche bedroht.

Immer wieder begegnen uns Herrscher, Stiefmütter, Hexen, grausame Autoritäten und übermächtige Gegenspieler.

Doch häufig geschieht etwas Erstaunliches: Die Schwachen gewinnen. Das Unrecht wird überwunden. Die Bedrohten werden gerettet. Die Erniedrigten erfahren Anerkennung.

Das Märchen schafft eine Wirklichkeit, in der sich das Schicksal wenden kann.

Wo das wirkliche Leben keine Gerechtigkeit garantiert, kann die Erzählung wenigstens die Hoffnung auf Gerechtigkeit bewahren.

Nicht jedes Märchen endet glücklich, und manche Lösungen sind selbst grausam. Aber das Grundmotiv der Überwindung einer Notlage ist auffallend häufig.

Vielleicht liegt darin ein Teil der historischen und menschlichen Bedeutung dieser Geschichten.

3. Notlage, Erlösung und Dankbarkeit

Während des Vortrags erinnerte ich mich an die Struktur vieler guter Pfarrerpredigten.

Ich erkannte drei wiederkehrende Elemente:

Erstens: die Notlage. Der Mensch erlebt Leid, Schuld, Angst, Ungerechtigkeit oder Orientierungslosigkeit.

Zweitens: die Erlösung. Eine Wendung tritt ein. Das Böse wird überwunden, Rettung wird möglich, Hoffnung entsteht.

Drittens: die Dankbarkeit. Der Mensch erkennt die Befreiung von seiner Not und gewinnt ein neues Verhältnis zum Leben.

Ist das nicht auch eine Grundstruktur zahlreicher Märchen?

Gewiss sind Märchen keine Predigten. Sie folgen vielfältigen Erzählformen und transportieren unterschiedliche, manchmal widersprüchliche moralische Vorstellungen.

Dennoch sehe ich eine bemerkenswerte Verwandtschaft.

Die religiöse Erzählung verspricht Erlösung im Glauben. Das Märchen erzählt von Erlösung durch Mut, Glück, List, Hilfe, Liebe oder übernatürliche Kräfte.

Beide Formen nehmen die menschliche Not ernst und versuchen, ihr eine Bedeutung zu geben.

Dabei entsteht eine weiterführende Frage: Braucht der Mensch solche Geschichten, um seine oft unverständliche Wirklichkeit überhaupt ertragen zu können?

4. Volksmythen, Kultur und die Sprache der Brüder Grimm

Märchen entstehen nicht aus dem Nichts.

Sie greifen ältere Erzähltraditionen, Volksmythen, Sagen, religiöse Vorstellungen und überlieferte Motive auf. Ihre Inhalte reichen weit über einen einzelnen Kulturraum hinaus.

Moralische, psychologische, theologische und historische Themen begegnen sich in diesen Geschichten.

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sammelten mündliche und schriftliche Überlieferungen und brachten sie in eine literarisch geformte deutsche Sprache.

Ihre Leistung bestand deshalb nicht nur im Bewahren, sondern auch im Gestalten.

Die Märchen wurden sprachlich bearbeitet, vereinheitlicht und über verschiedene Ausgaben hinweg verändert. Aus regionalen und internationalen Überlieferungen entstand eine Sammlung mit wiedererkennbarer sprachlicher Gestalt.

Das geschah in einem Land, das politisch noch nicht geeint war und dessen Menschen zahlreiche Dialekte und regionale Traditionen pflegten.

Hier liegt ein bemerkenswerter kulturhistorischer Zusammenhang:

Bevor Deutschland ein politisch geeinter Nationalstaat wurde, entwickelten Literatur, Sprache und gemeinsame Erzählungen bereits Formen kultureller Zusammengehörigkeit.

Die Brüder Grimm haben die deutsche Sprache nicht vereinheitlicht oder eine einheitliche Standardsprache allein geschaffen. Doch sie leisteten einen bedeutenden Beitrag zu ihrer Erforschung, literarischen Ausprägung und kulturellen Vermittlung.

Ihre Märchensammlung und später ihr großes Deutsches Wörterbuch sind Ausdruck dieser Arbeit.

5. Goethe, Schiller, Wieland – und die geistige Welt der Märchen

Die Brüder Grimm wirkten in einer Epoche großer geistiger Veränderungen.

Aufklärung, Weimarer Klassik und Romantik waren unterschiedliche, aber miteinander verflochtene Bewegungen.

Christoph Martin Wieland erschloss literarische Fantasiewelten und griff auch auf orientalische Stoffe zurück. Goethe und Schiller beschäftigten sich mit Freiheit, Bildung, Würde und den Möglichkeiten menschlicher Selbstbestimmung.

Die Romantik wiederum wandte sich verstärkt der Geschichte, der Volksdichtung, den Mythen und der kulturellen Überlieferung zu.

Clemens Brentano und Achim von Arnim gehörten zu den wichtigen Anregern der Sammlung volkstümlicher Literatur. Gerade Brentanos Verbindung zu den Brüdern Grimm zeigt, wie eng die literarischen Netzwerke dieser Zeit waren.

Bei meinem Besuch auf den Spuren Annette von Droste-Hülshoffs begegnete mir ebenfalls diese Welt kultureller Verbindungen. Auch ihre Familie stand mit den Brüdern Grimm in Kontakt.

So entstand ein geistiges Umfeld, in dem Literatur weit mehr war als Unterhaltung.

Sie war ein Mittel, die Welt zu verstehen, kulturelle Erfahrungen zu bewahren und über den Menschen nachzudenken.

Die Weimarer Klassik stellte Fragen nach Humanität und Selbstbestimmung. Die Romantik fragte nach Geschichte, Gefühl, Fantasie und Herkunft.

Und die Brüder Grimm fanden in überlieferten Erzählungen ein kulturelles Gedächtnis, das bewahrt und neu gestaltet werden konnte.

6. Das Menschenbild hinter den Märchen

Was mich an diesem Vortrag besonders beschäftigt hat, ist die Frage nach dem Menschenbild.

In meinen eigenen Arbeiten, insbesondere in der Trilogie Der Mensch ist das Maß, untersuche ich gesellschaftliche Notlagen und die moralischen Vorstellungen, mit denen Menschen darauf reagieren.

Die Märchen zeigen mir eine historische Perspektive dieses Problems.

Der Mensch erscheint darin zugleich als verletzliches und hoffnungsfähiges Wesen.

Er ist den Mächtigen häufig ausgeliefert, kann sich aber dennoch behaupten. Er ist von Ungerechtigkeit bedroht, hält aber an einer Vorstellung von Gerechtigkeit fest. Er erlebt Angst, ohne die Möglichkeit einer besseren Zukunft vollständig aufzugeben.

Das Märchen lässt den Menschen nicht allein in seiner Not.

Doch es enthält auch ein problematisches Menschenbild: Häufig werden Gegner vernichtet, Schuldige grausam bestraft und gesellschaftliche Hierarchien nicht grundsätzlich infrage gestellt.

Das glückliche Ende bedeutet keineswegs immer eine gerechtere Gesellschaft.

Manchmal besteht es lediglich darin, dass der Einzelne selbst zum König wird.

Genau hier beginnt für mich die humanistische Kritik.

Es genügt nicht, dass der Mensch von seiner Not träumt, befreit zu werden. Er muss auch die Möglichkeit erhalten, die Bedingungen seiner Not zu verändern.

7. Von der Märchenerlösung zur gesellschaftlichen Verantwortung

Die historischen Notlagen haben ihre Formen verändert.

Die Leibeigenschaft ist überwunden. Rechtsstaatlichkeit, Sozialversicherung, Bildung und politische Mitbestimmung haben die Lebensbedingungen in vielen Ländern grundlegend verändert.

Dennoch sind Notlagen nicht verschwunden.

Kriege, Gewalt, Einsamkeit, soziale Ungleichheit, autoritäre Versuchungen und demokratische Repräsentationsprobleme beschäftigen uns weiterhin.

Auch heute entstehen Erzählungen, die eine einfache Erlösung versprechen.

Man müsse nur den richtigen Führer finden, die Schuldigen beseitigen, eine verlorene Ordnung wiederherstellen oder einer einzigen Weltanschauung folgen – und schon werde alles gut.

Die Ähnlichkeit mit dem Märchen ist verführerisch. Doch politische Erlösungsversprechen sind keine harmlosen Geschichten.

Eine freiheitliche Demokratie kann die Lösung ihrer Probleme nicht einem Zauber, einem allmächtigen Herrscher oder einer unfehlbaren Ideologie überlassen.

Sie verlangt verantwortliches Handeln, Bildung, Kritikfähigkeit und den Mut, Widersprüche auszuhalten.

Darin liegt für mich der entscheidende Unterschied zwischen dem Märchen und einem aufgeklärten Menschenbild.

Das Märchen kann die Erlösung erzählen.

Der Humanismus muss nach den Bedingungen fragen, unter denen Menschen sich selbst und gegenseitig aus Notlagen befreien können.

8. Schluss – Die Hoffnung bewahren, ohne auf Wunder zu warten

Der Vortrag von Joachim von Lübtow hat mir einen neuen Zugang zu den Brüdern Grimm eröffnet.

Nicht die Deutung einzelner Märchen stand im Mittelpunkt, sondern die historische Lebenswirklichkeit und die geistige Landschaft einer Zeit, in der Menschen ihre Erfahrungen in Geschichten bewahrten.

Ich erkenne darin eine Verbindung zwischen Geschichte, Literatur, Religion und meinem eigenen Nachdenken über das Menschenbild.

Märchen sind kulturelle Erinnerungen an menschliche Notlagen. Sie bewahren Ängste, Wünsche, moralische Vorstellungen und Hoffnungen.

Ihre Bedeutung endet nicht mit der Kindheit.

Denn die grundlegenden Fragen bleiben:

Warum müssen Menschen leiden? Warum erfahren manche Unrecht und andere Macht? Weshalb hoffen wir auf Gerechtigkeit? Und wer trägt Verantwortung dafür, dass aus Hoffnung Wirklichkeit wird?

Vielleicht brauchen wir Märchen, um uns vorzustellen, dass die Welt anders sein könnte.

Aber wir brauchen Bildung, Freiheit und menschliche Verantwortung, um sie tatsächlich zu verändern.

Der Mensch ist das Maß.

Nicht die Obrigkeit, nicht die Ideologie und auch nicht das erlösende Wunder.

Sondern der Mensch mit seiner Würde, seiner Verletzlichkeit und seiner Fähigkeit, seine Zukunft mitzugestalten.


Wolfgang Bossert – MyPaperGate.net

Angeregt durch einen VHS-Vortrag von Joachim von Lübtow über Jacob und Wilhelm Grimm, November 2026.

 

Annette von Droste-Hülshoff


BUCH 13 Die Notlage

 

 

 

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