Das Schweigen der Generationen, die Freiheit und unsere Verantwortung
Ein Essay von Wolfgang Bossert
1. Das Schweigen, das mich als Jugendlichen erschreckte
Als ich in der Stuttgarter Zeitung den Bericht „Mein Opa, der Nazi“ las, wurde mir eine Erfahrung meiner Jugend wieder bewusst.
Ich wurde 1948 geboren und gehöre damit zur ersten Nachkriegsgeneration. Meine Jugend verbrachte ich in einer Zeit des Friedens, des wirtschaftlichen Aufbruchs und einer wiedergewonnenen Freiheit. Dafür bin ich bis heute dankbar.
Aber etwas hat mich damals erschreckt: das Schweigen der Erwachsenen über den Nationalsozialismus.
Mich beschäftigte nicht in erster Linie die Frage, ob mein Großvater Nazi gewesen war. Ich wollte verstehen, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass sich eine Gesellschaft einer menschenverachtenden Diktatur unterwarf.
Ich hatte den Eindruck, dass viele Erwachsene selbst keine Antwort darauf hatten.
Gleichzeitig begann ich, die Autorität der Kirche und ihre moralischen Vorstellungen infrage zu stellen. Nicht weil ich ohne Werte leben wollte, sondern weil ich verstehen wollte, warum bestimmte Wahrheiten als unangreifbar gelten sollten.
Was mich damals bewegte, war die Suche nach einem Menschenbild, in dem Freiheit, Vernunft und persönliche Verantwortung zusammengehören.
2. Die 68er – der Aufstand gegen das Schweigen
Die Studentenbewegung der 1960er-Jahre stellte Fragen, die unsere Elterngeneration vielfach unbeantwortet gelassen hatte.
Es ging um die nationalsozialistische Vergangenheit, um autoritäre Strukturen, um den Vietnamkrieg und um eine Gesellschaft, die demokratische Freiheit zwar verfassungsrechtlich garantierte, sie aber noch nicht überall selbstverständlich lebte.
Die 68er-Bewegung war in weiten Teilen Ausdruck demokratischer Kritik und gesellschaftlicher Erneuerung.
Persönlichkeiten wie Rudi Dutschke wurden zu Symbolfiguren des gesellschaftlichen Aufbruchs. Doch es gab auch eine Radikalisierung am Rand der Protestbewegung.
Am 14. Mai 1970 sprang Ulrike Meinhof bei der gewaltsamen Befreiung Andreas Baaders aus einem Fenster eines Berliner Instituts.
Dieser Sprung wurde zum Symbol eines folgenschweren Übergangs: Eine bekannte Journalistin verließ den Weg der öffentlichen politischen Auseinandersetzung und schloss sich dem bewaffneten Untergrund an.
Die spätere Rote Armee Fraktion rechtfertigte schwere Gewaltverbrechen mit ihren politischen Überzeugungen.
Aus Protest war bei einer kleinen Minderheit Terrorismus geworden.
Diese Entwicklung hat mich nie losgelassen. In meinem Theaterstück Wann kommt Ulrike wieder? beschäftigte ich mich mit der Frage, unter welchen Umständen Menschen die Grenzen demokratischer Auseinandersetzung überschreiten.
Heute frage ich mich erneut: Wann kommt Ulrike wieder?
Nicht als historische Person, sondern als Symbol einer gefährlichen Entwicklung, bei der politische Überzeugung in Fanatismus und schließlich in Gewalt umschlägt.
3. Die Jugend von heute – Geschichte, die sich reimt?
Die jüngsten Jugenddemonstrationen und die teilweise schweren Gewaltausschreitungen haben mich überrascht.
Bislang hatte ich eine solche Entwicklung bei der heutigen jungen Generation nicht als besonderes Problem wahrgenommen.
Natürlich hat die Generation Z ihre Sorgen: Krieg, wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Lebenshaltungskosten, Klimawandel und die Frage nach ihrer Zukunft.
Aber daraus folgt nicht, dass junge Menschen grundsätzlich politisch übergangen werden. Ebenso wenig lässt sich Gewalt allein mit Zukunftsängsten erklären.
Die meisten Demonstrierenden nahmen ihr demokratisches Recht friedlich wahr. Doch die gewalttätigen Ausschreitungen einzelner Gruppen werfen Fragen auf, die wir ernst nehmen sollten.
Mich beschäftigt insbesondere, ob wir Anzeichen einer Radikalisierung frühzeitig erkennen können.
Die Geschichte der RAF zeigt, dass aus einem Umfeld politischen Protests unter bestimmten Bedingungen terroristische Vereinigungen entstehen können. Sie zeigt aber keineswegs, dass jeder radikale Protest zwangsläufig in diese Richtung führt.
Es wäre deshalb falsch, die heutige Jugendbewegung mit der RAF gleichzusetzen.
Aber es wäre ebenso falsch, die Frage nach möglichen Radikalisierungsprozessen von vornherein abzutun.
Wie entsteht aus politischer Empörung die Bereitschaft zur Gewalt? Wann wird aus einem Gegner ein Feind? Und wann glauben Menschen, ihre Ziele rechtfertigten jedes Mittel?
Geschichte wiederholt sich nicht. Aber bestimmte menschliche Verhaltensmuster können wiederkehren.
Dazu gehören Gruppendruck, Feindbilder, ideologische Gewissheit und die Vorstellung, für eine vermeintlich gute Sache seien auch schlechte Mittel erlaubt.
Genau darin liegt die Warnung der Geschichte.
4. Demokratische Repräsentation – was darf der Bürger erwarten?
Im Zusammenhang mit heutigen gesellschaftlichen Konflikten wird häufig auf eine Krise demokratischer Repräsentation verwiesen.
Aber was bedeutet das eigentlich?
Demokratische Repräsentation heißt nicht, dass jeder Bürger mit jeder politischen Entscheidung einverstanden sein muss. Sie bedeutet auch nicht, dass sämtliche gesellschaftlichen Forderungen erfüllt werden können.
Eine Demokratie gewährleistet politische Mitsprache, freie Wahlen, Grundrechte und die Kontrolle der Macht. Sie muss Entscheidungen erklären, Kritik zulassen und sich der öffentlichen Auseinandersetzung stellen.
Aber sie ist keine Einrichtung zur Erfüllung sämtlicher persönlicher Lebenswünsche.
Hier vertrete ich eine Überzeugung, die mein Leben geprägt hat:
Jeder ist seines Glückes Schmied.
Meine Eltern haben mich gefördert. Ich durfte eigene Entscheidungen treffen, meine Fähigkeiten entwickeln und meinen beruflichen Weg selbst gestalten. Dass ich Unternehmer wurde, hatte viel mit meinem Vertrauen in die Freiheit zu tun.
Freiheit bedeutet für mich nicht, dass mir die Gesellschaft alle Schwierigkeiten abnimmt.
Freiheit bedeutet, Chancen zu erkennen, Verantwortung zu übernehmen, Rückschläge auszuhalten und sein Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können.
Natürlich sind die Voraussetzungen der Menschen unterschiedlich. Eine gerechte Gesellschaft muss faire Chancen eröffnen und Menschen unterstützen, die ihre Notlagen nicht allein bewältigen können.
Doch Hilfe und Eigenverantwortung dürfen keine Gegensätze werden.
Der Sozialstaat soll den Menschen befähigen, nicht entmündigen.
5. Der Mut der Anständigen
Rutger Bregman fordert in seinem Denken über moralischen Ehrgeiz dazu auf, persönliche Fähigkeiten nicht nur für den eigenen Erfolg, sondern auch für gesellschaftlich sinnvolle Ziele einzusetzen.
Seinem Gedanken vom Mut der Anständigen möchte ich eine eigene Zuspitzung geben:
Wenn die Schamlosesten demonstrieren, ist es Zeit für den Mut der Anständigen.
Damit meine ich ausdrücklich nicht die vielen Menschen, die friedlich ihre demokratischen Rechte wahrnehmen.
Ich meine diejenigen, die ihre Rücksichtslosigkeit zur Schau stellen, die einschüchtern, bedrohen und zerstören.
Und ich meine damit keineswegs nur Demonstrationen.
Wir begegnen Verantwortungslosigkeit auch im alltäglichen Zusammenleben, in der Wirtschaft, in Institutionen und in der Politik.
Der Mut der Anständigen besteht darin, nicht wegzusehen, wenn Unrecht geschieht.
Er besteht aber ebenso darin, den Menschen wieder Eigenverantwortung zuzutrauen und zuzumuten.
Wer Freiheit fordert, muss auch die Freiheit anderer achten. Wer Rechte beansprucht, muss seine Pflichten anerkennen. Wer gesellschaftliche Veränderungen verlangt, muss bereit sein, selbst zu ihrer Verwirklichung beizutragen.
Anstand ist keine politische Gesinnung. Er ist eine Haltung gegenüber anderen Menschen.
Und Zivilcourage bedeutet, dieser Haltung auch dann treu zu bleiben, wenn Widerspruch unbequem wird.
6. Was haben wir aus unserer Geschichte gelernt?
Damit kehre ich zu meiner Jugenderfahrung zurück.
Das Schweigen über den Nationalsozialismus hat mich damals erschreckt, weil ich verstehen wollte, wie Menschen ihre Freiheit verlieren, sich Autoritäten unterwerfen und ihre Verantwortung abgeben können.
Heute frage ich mich, ob wir die entscheidende Lehre daraus wirklich gezogen haben.
Wir haben vieles über die Geschichte des Nationalsozialismus erforscht. Wir kennen die Verbrechen, die politischen Entwicklungen und zahlreiche Biografien der Beteiligten.
Aber verstehen wir ausreichend, warum Menschen immer wieder bereit sind, ihre Urteilskraft einer Gruppe, einer Ideologie oder einer vermeintlich höheren Wahrheit unterzuordnen?
Auch die Geschichte der RAF zwingt uns zur Beschäftigung mit diesem Problem.
Wie konnte ausgerechnet eine Generation, die gegen autoritäre Verhältnisse aufbegehrte, in Teilen selbst eine politische Haltung entwickeln, die Gewalt und die Missachtung menschlichen Lebens rechtfertigte?
Hier zeigt sich ein grundlegender Widerspruch: Wer Freiheit für sich selbst fordert, sie anderen aber mit Gewalt nimmt, verleugnet seinen eigenen Anspruch.
Diese Frage beschäftigt mich auch in meinen Büchern Die Mitte war immer da, Das Gehirn ist kein Demokrat und Der moralische Aufbruch.
Die Geschichte mahnt uns, Autoritäten kritisch zu prüfen. Sie entbindet uns aber nicht davon, auch unser eigenes Denken und Handeln zu hinterfragen.
Denn die Gefahr beginnt nicht erst dort, wo die Demokratie abgeschafft werden soll.
Sie zeigt sich bereits, wenn Menschen glauben, ihre Überzeugungen rechtfertigten die Missachtung der Würde anderer.
7. Der moralische Aufbruch beginnt bei uns selbst
Ich habe das Glück gehabt, einen großen Teil meines Lebens in Frieden und Freiheit verbringen zu dürfen.
Diese Erfahrung hat mein Vertrauen in die Möglichkeiten des Menschen geprägt.
Und sie begründet meine Überzeugung, dass Freiheit nicht allein ein Geschenk der Gesellschaft ist. Sie ist auch eine Aufgabe für jeden Einzelnen.
Die Gesellschaft muss Freiheit schützen, Bildung ermöglichen, faire Chancen schaffen und Menschen in wirklichen Notlagen helfen.
Aber sie kann uns nicht das eigene Denken, Entscheiden und Handeln abnehmen.
Die Demokratie lebt nicht allein von ihren Institutionen. Sie lebt von Menschen, die Verantwortung übernehmen, die Widerspruch ertragen, die sich nicht von Ideologien vereinnahmen lassen und die bereit sind, ihr Gemeinwesen mitzugestalten.
Vielleicht liegt hier die wichtigste Verbindung zwischen dem Schweigen meiner Jugend und den Unruhen unserer Gegenwart.
Damals suchte ich nach Antworten auf die Frage, warum Menschen ihre Verantwortung abgegeben hatten.
Später erlebte ich, wie aus dem berechtigten Protest einer Generation bei einer kleinen Minderheit eine gewalttätige Ideologie entstand.
Heute frage ich mich, ob wir daraus ausreichend gelernt haben.
Nicht jede gesellschaftliche Notlage ist durch den Staat zu lösen. Nicht jede Enttäuschung ist Ausdruck mangelnder demokratischer Repräsentation. Und keine noch so berechtigte Forderung rechtfertigt politische Gewalt.
Der Mensch ist das Maß.
Aber er ist nicht nur Maßstab gesellschaftlicher Ordnung. Er ist auch ein freies und verantwortliches Wesen.
Der moralische Aufbruch beginnt deshalb nicht mit neuen Forderungen an andere.
Er beginnt mit der Frage, was wir selbst zu
