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Roman-Essay

Compiègne, Colombey, Ludwigsburg

Der Waggon im Wald von Compiègne – Symbol des Waffenstillstands vom 11. November 1918.

Compiègne – der Wald, in dem Krieg endete und eine neue, brüchige Geschichte Europas begann

Der Wald von Compiègne lag still.

Nicht friedlich – sondern wach.

Als hätte dieser Ort verstanden, dass hier nicht nur ein Krieg endete, sondern etwas begann, dessen Folgen weit über diesen Moment hinausreichen würden.

Zwischen den Bäumen stand der Waggon.

Ein unscheinbarer Ort für eine Entscheidung, die Europa verändern sollte.

Im Inneren saßen sich Ferdinand Foch und Matthias Erzberger gegenüber. Offiziere, Schreiber und Beobachter standen im Hintergrund.

Worte wurden abgewogen, Sätze formuliert, Bedingungen festgelegt.

Geschichte wurde in eine Form gebracht, die nach Klarheit klang und doch voller Ungewissheit war.

„Ein Waffenstillstand“, sagte Foch.

Ferdinand Foch, Bild von Jean Patricot (1865–1928), französischer akademischer Porträtmaler

Ferdinand Foch

Ferdinand Foch wurde am 2. Oktober 1851 in Tarbes in Südfrankreich geboren. Er absolvierte eine militärische Ausbildung und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten französischen Strategen seiner Zeit.

Während des Ersten Weltkriegs stieg Foch zu einem der wichtigsten Oberbefehlshaber der Alliierten auf. 1918 wurde er zum Oberkommandierenden der alliierten Streitkräfte ernannt. Unter seiner Führung gelang es, die deutschen Offensiven zurückzuschlagen und den Krieg militärisch zu entscheiden.

Berühmt wurde Foch durch seine Rolle beim Waffenstillstand von Compiègne am 11. November 1918. In dem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne in Nordfrankreich nahm er die deutsche Delegation unter Matthias Erzberger entgegen.

Foch betrachtete den Versailler Vertrag jedoch nicht als endgültigen Frieden. Der berühmte, oft zitierte Satz wird ihm zugeschrieben:

„Das ist kein Frieden. Es ist ein Waffenstillstand auf zwanzig Jahre.“

Tatsächlich begann rund zwanzig Jahre später der Zweite Weltkrieg.

Foch stand für die französische Erfahrung eines Landes, das 1870/71 und erneut 1914 Krieg mit Deutschland erlebt hatte. Sein Denken war geprägt von Sicherheitsfragen und dem Wunsch, Frankreich dauerhaft vor einem neuen deutschen Angriff zu schützen.

Er starb am 20. März 1929 in Paris und wurde im Invalidendom beigesetzt.

Matthias Erzberger – die Verantwortung des Unterschreibenden

Erzberger unterschrieb.

Nicht zögernd. Nicht überzeugt. Sondern wissend.

Er wusste, was Krieg war. Er hatte gesehen, was von Menschen und Ländern übrig blieb, wenn der Krieg weitergeführt wurde, obwohl er längst verloren war.

Er wusste, dass es keinen heroischen Ausweg mehr gab, sondern nur noch eine Entscheidung zwischen Untergang und Verantwortung.

Wenn er nicht unterschrieb, würde Deutschland nicht gerettet werden.

Es würde weiter zerstört werden.

Während des Ersten Weltkriegs unterstützte Erzberger zunächst die deutsche Kriegsführung, entwickelte sich jedoch zunehmend zu einem Befürworter eines Verständigungsfriedens.

Im Juli 1917 spielte er eine zentrale Rolle bei der sogenannten Friedensresolution des Reichstags, die einen Frieden ohne Annexionen und erzwungene Gebietsveränderungen anstrebte.

Im November 1918 wurde Erzberger von der deutschen Regierung beauftragt, im Wald von Compiègne den Waffenstillstand mit den Alliierten zu unterzeichnen.

Für viele Nationalisten wurde er dadurch später zum Symbol der Niederlage Deutschlands. Die sogenannte Dolchstoßlegende stellte Politiker wie Erzberger fälschlicherweise als „Verräter“ dar, obwohl die militärische Führung selbst auf einen raschen Waffenstillstand gedrängt hatte.

Nach dem Krieg reformierte Erzberger als Finanzminister das deutsche Steuerwesen grundlegend und modernisierte die Reichsfinanzen der jungen Weimarer Republik.

Seine demokratische Haltung machte ihn jedoch zum Hassobjekt nationalistischer und rechtsextremer Kreise.

Am 26. August 1921 wurde Matthias Erzberger im Schwarzwald bei Bad Griesbach von Mitgliedern der rechtsextremen Organisation Consul ermordet.

Seine Ermordung wurde zu einem frühen Symbol dafür, wie gewaltsam die junge deutsche Demokratie von ihren Gegnern bekämpft wurde.

 

Matthias Erzberger, Porträt von Emil Orlik (1870–1932)

Matthias Erzberger

Matthias Erzberger wurde am 20. September 1875 in Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb geboren.

Er entstammte einfachen katholischen Verhältnissen und arbeitete zunächst als Lehrer und Journalist, bevor er für die Zentrumspartei in den Reichstag einzog.

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg galt er als talentierter Redner und Finanzfachmann.

 

Egon Erwin Kisch, Fotografie um 1930, Fotograf unbekannt

Egon Erwin Kisch

Egon Erwin Kisch wurde am 29. April 1885 in Prag geboren, das damals zur Habsburgermonarchie gehörte.

Er entstammte einer deutschsprachigen jüdischen Familie und entwickelte früh ein Interesse für Journalismus, Politik und das Leben der einfachen Menschen.

Berühmt wurde er als „der rasende Reporter“. Seine Reportagen verbanden literarische Sprache mit unmittelbarer Beobachtung. Kisch schrieb nicht aus der Distanz eines Historikers, sondern mitten aus dem Leben der Straßen, Bahnhöfe, Gerichte, Häfen und politischen Krisen Europas.

Während des Ersten Weltkriegs war Kisch Soldat in der österreichisch-ungarischen Armee. Die Erfahrungen des Krieges machten ihn zu einem entschiedenen Gegner von Militarismus und Nationalismus.

In den 1920er Jahren berichtete er über die politischen und sozialen Erschütterungen Europas: Inflation, Arbeitslosigkeit, Revolutionen, den Aufstieg extremistischer Bewegungen und die Krise der Demokratie.

Seine Texte verbanden journalistische Genauigkeit mit literarischer Intensität.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden seine Bücher verbrannt. Als Jude und kommunistischer Intellektueller musste Kisch Deutschland verlassen. Seine Jahre im Exil führten ihn unter anderem nach Frankreich, Spanien, Australien und Mexiko.

Seine Werke zeigen ein Europa zwischen Hoffnung und Katastrophe. Besonders wichtig war ihm die Verantwortung des Journalismus gegenüber Wahrheit und Wirklichkeit.

Egon Erwin Kisch starb am 31. März 1948 in Prag.

Im Waggon von Compiègne

Compiègne – Der Anfang ohne Frieden

Der Wald liegt still.

Nicht friedlich – sondern wach.

Als hätte dieser Ort verstanden, dass hier nicht nur ein Krieg endet, sondern eine Geschichte beginnt.

Zwischen den Bäumen steht der Waggon.

Ein unscheinbarer Ort für eine Entscheidung, die Europa verändern wird – und deren Folgen niemand überblickt.

Im Inneren sitzen sich zwei Männer gegenüber:

Ferdinand Foch

und

Matthias Erzberger.

Dazwischen steht Egon Erwin Kisch, der rasende Reporter.

Er stellt keine höflichen Fragen.

„Ist das der Frieden Europas?“

Foch antwortet leise, fast müde:

„Nein.
Es ist das Ende des Schießens.“

„Und was beginnt?“

Foch blickt nicht auf.

„Das wird nicht hier entschieden.“

Kisch wendet sich an Erzberger.

„Und Deutschland?“

Erzberger antwortet nach einem kurzen Moment:

„Deutschland bekommt eine Chance.“

„Oder eine Last?“

„Beides.“

Stille.

„Man wird nicht die Entscheidung beurteilen – sondern die Erzählung darüber.“

Waffenstillstand und Beginn des Weges nach Versailles

Hinweis zum semantischen Dialog: Egon Erwin Kisch ist in dieser Szene eine literarische Figur des Dialogs. Seine Anwesenheit im Waggon von Compiègne am 11. November 1918 ist historisch nicht belegt. Er übernimmt hier die Rolle des Reporters, der aus späterer Perspektive Fragen an Foch und Erzberger stellt.

Historische Darstellung des Waffenstillstands von Compiègne, 11. November 1918. Künstler unbekannt.

Die Delegationen von Compiègne

Die deutsche Delegation, die am 11. November 1918 den Waffenstillstand von Compiègne unterzeichnete, war politisch und militärisch zusammengesetzt.

Deutschland befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer äußerst schwierigen Lage – militärisch, politisch und gesellschaftlich. Die Möglichkeiten, über die Bedingungen des Waffenstillstands tatsächlich zu verhandeln, waren sehr begrenzt.

Die Frage des Mandats der deutschen Delegation war deshalb von besonderer Bedeutung.

Die deutsche Delegation

Die Delegation wurde von Matthias Erzberger angeführt. Zu ihr gehörten außerdem:

Alfred Graf von Oberndorff – Diplomat und Vertreter des Auswärtigen Amtes.

Generalmajor Detlof von Winterfeldt – Vertreter der deutschen Heeresleitung.

Kapitän zur See Ernst Vanselow – Vertreter der Kaiserlichen Marine.

Die Delegation stand unter enormem Druck. Die militärische Lage Deutschlands war aussichtslos geworden, während gleichzeitig im Inneren die Revolution begonnen hatte und die Monarchie zusammenbrach.

Die Bedingungen des Waffenstillstands waren weitgehend von den Alliierten vorgegeben.

Die alliierte Seite

Auf alliierter Seite bestimmte vor allem Ferdinand Foch das Geschehen.

Ferdinand Foch – Marschall von Frankreich und Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte. Er war der ranghöchste alliierte Vertreter.

Admiral Sir Rosslyn Wemyss – britischer First Sea Lord und Vertreter der Royal Navy.

General Maxime Weygand – enger Mitarbeiter und Stabschef Fochs.

Weitere Offiziere und Mitarbeiter waren an den Gesprächen und der Ausarbeitung der Dokumente beteiligt.

Der 11. November 1918

Der Waffenstillstand wurde am frühen Morgen des 11. November 1918 im Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne unterzeichnet.

Die Unterzeichnung war gegen 5 Uhr morgens abgeschlossen.

In Kraft trat der Waffenstillstand sechs Stunden später:

Die elfte Stunde des elften Tages des elften Monats

11 Uhr am 11. November 1918.

An der Westfront verstummten die Waffen.

Deshalb wird der 11. November bis heute in zahlreichen Ländern als symbolisches Ende des Ersten Weltkriegs erinnert.

Doch der Waffenstillstand war noch kein Friedensvertrag.

Der eigentliche Friedensvertrag wurde erst Monate später geschlossen.

Versailles – vom Waffenstillstand zum Frieden

Der Vertrag von Versailles wurde am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal des Schlosses Versailles unterzeichnet.

Das Datum besaß eine besondere historische Symbolik.

Am 28. Juni 1914, genau fünf Jahre zuvor, waren der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo ermordet worden.

Das Attentat löste die Julikrise aus, die schließlich in den Ersten Weltkrieg führte.

Damit spannt sich ein historischer Bogen:

28. Juni 1914 – Sarajevo.

11. November 1918 – Compiègne.

28. Juni 1919 – Versailles.

Zwischen diesen drei Daten liegt eine der großen europäischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts – und zugleich der schwierige Versuch, nach ihr eine neue Friedensordnung zu schaffen.

   

© Wolfgang Bossert · mypapergate.net
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